Unsere Kirche

 

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war lange Zeit die Hauptkirche Biebrichs und Mosbachs einzige evangelische Kirche gewesen. Doch durch Zunahme der Industrie nahm auch die Bevölkerung immer mehr zu und so wurde es immer dringender nötig, ein neues Gotteshaus für die wachsende Gemeinde zu schaffen.

Pfarrer Dr. D. Camillo Gerbert, der seit 12.06.1898 Pfarrer in Biebrich war, ist es zu verdanken, dass ein neuer Kirchenbau in Angriff genommen wurde. Er konnte glaubhaft machen, dass ein neuer Kirchenbau unumgänglich sei.

Am 2.7.1899 beschloss die Kirchengemeindevertretung den Bau einer zweiten Kirche in Biebrich, am 17.8.1899 genehmigte Kaiser Wilhelm II den Bau und überließ der Kirchengemeinde für 2.000 DM ein freies Grundstück auf dem Eisenbahnberg, der neben dem alten Rheinbahnhof liegt und damals dem preußischen Wasserbaufiskus gehörte.

Am 25.10.1899 folgte der Beschluss, einen Architekturwettbewerb auszuschreiben, der als Ergebnis einen Kirchenentwurf folgenden Ausmaßes haben sollte: eine Predigtkirche mit zentraler Anlage, 750 Sitzplätze, einen Turm für 4 Glocken, die Kirche sollte insgesamt einen kirchlich würdigen, monumentalen Eindruck machen und dabei von edler Einfachheit sein. Als Preisgrenze wurden 240.000 DM veranschlagt. Von den 122 eingesandten Vorschlägen wurde nur einer prämiert: der Vorschlag "Glocke" des Architekten Karl von Loehr aus Karlsruhe, der zu diesem Zeitpunkt gerade mal 25 Jahre alt war. Am 4.5.1900 folgte der Beschluss, diesen Entwurf zu verwirklichen.

Am 1.4.1902 war erster Spatenstich und am 5.10.1902 die Grundsteinlegung.

Pfarrer Dr. D. Gerbert verlas vor großem Publikum die Urkunde, die über 60 Unterschriften trug, und legte sie mit Geldstücken und Ausgaben der Tagespost in eine Metallbüchse und versenkte sie im Grundstein, wo sie sich heute noch befindet. Dem Architekten Karl von Loehr wurde die Oberbauleitung übertragen, die technische Leitung hatte der Bauwerksmeister Adolf Kieß aus Tübingen inne. Vor allem wegen der Unerfahrenheit des jungen Architekten war es nicht möglich, den geplante Endtermin am 15.5.1903 einzuhalten. Weitere Gründe waren aber auch schwierige Erdarbeiten zu Beginn der Bauarbeiten und Lieferschwierigkeiten des Sandsteins.

Doch am 15.5.1905 war dann endlich Kirchweihe, die Kosten des Baus hatten sich bis dahin mit 560.000 DM verdoppelt. Die Mehrkosten musste die Gemeinde tragen. Am 24.5.1905 besuchte Kaiser Wilhelm II den Neubau.

Der 1. Weltkrieg ging nahezu spurlos an der Kirche vorbei. Durch Protektion des Kaisers mussten nicht einmal die Glocken der Waffenindustrie geopfert werden. An diese Zeit erinnert die Kriegergedächtnisstätte im Vorraum der Kirche, die 1931 feierlich übergeben wurde und die Namen von fast 600 Gefallenen trägt.

Der 2. Weltkrieg dagegen hinterließ deutliche Spuren: 1944 wurden 3 der 4 Glocken abtransportiert. In der Nacht vom 2. auf den 3. Februar 1944 wurde der schwerste Angriff auf Biebrich durchgeführt, bei dem neben vielen Wohnhäusern auch das Zollamt, der Ostflügel und auch die Oranier-Kirche weitgehend zerstört wurden. Im März 1945 wurde die Kirche notdürftig mit Planen geschützt und lange stand die Frage im Raum, ob man sie besser abreißen sollte. Doch am 21.7.1946 begannen die Aufräumarbeiten, bei denen viele Gemeindemitglieder mithalfen.

Am 12.3.1950 wurde die Kirche erneut geweiht. Diesmal durch Pfarrer Martin Niemöller. Am gleichen Tag bekam die Kirche wieder Glocken.

Ab dem 1.4.1958 erst war die Oranier-Gemeinde selbständig. Bis dahin unterstand sie noch der Hauptkirche. In diesem Jahr wurde auch ein zweites Pfarramt mit einer weiteren Pfarrstelle eingerichtet.



Seit 1967 befinden sich die Seitenfenster nach Entwürfen von Margret Thomann-Hegner in der Kirche. Sie zeigen Christus vor Pilatus und das Pfingstereignis (Herabkunft des hl. Geistes).

Von Januar bis Mai 1973 wurde die Kirche renoviert und seit 1997 an der Fassade umfassend saniert, was mit Hilfe des im Februar 1997 gegründeten Fördervereins finanziert wird. Im März 2001 wurde das Pfarramt I aufgelöst.

Der Name Oranier leitet sich von dem bedeutendesten Vertreter der ottonischen Linie ab: Wilhelm von Oranien, genannt der Schweiger (1533-1584), der der Vorkämpfer des Protestantismus gegen die Spanier war.